Skip to main content

Maligne Hyperthermie

Definition

Bei der Malignen Hyperthermie handelt es sich um eine lebensbedrohliche Narkosekomplikation, bei der es zu einer Stoffwechselentgleisung mit Anstieg der Körpertemperatur von bis zu 43°C, Muskelrigidität und metabolischer Azidose kommt.

Sie führt zu einer exzessiven Steigerung des Stoffwechsels sowie einem Anstieg des Sauerstoffverbrauchs und der Kohlendioxidproduktion.

Ziel

  • Schnelle und standardisierte Reaktion bei Verdacht einer malignen Hyperthermie

  • Effektives Notfallmanagement

  • Korrektes Handling notwendiger Medikamente

  • Vermeidung schwerer Komplikationen oder Todesfälle

Zweck

  • Gewährleistung einer sofortigen Therapie im Notfall

  • Sicherstellung der Patientensicherheit durch:

  • Gezielte Prävention

  • Früherkennung

  • Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben und Richtlinien (der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) sowie der MH-Hotline / MHAUS)

Zuständigkeiten

  • Anästhesieärzte - Risikoabschätzung, Therapieentscheidung,

Notfallleitung

  • ATA/ Pflegekraft - Unterstützung bei der Medikamentenbereitstellung,

Kühlmaßnahmen

  • OP- Team - Umsetzung der Notfallmaßnahmen laut Plan

  • Leitung Anästhesie - Lagerhaltung Medikamente, Schulungen

Ursachen und Risikosituationen

Gefährdete Patienten

  • Genetische Disposition des Patienten, positive Familienanamnese

  • Patienten mit neuromuskulären Erkrankungen oder Auffälligkeiten, z.B. häufig auftretende Muskelkrämpfe, Muskelschwäche, CK im Serum↑

  • Anstieg der Körpertemperatur nach körperlicher Anstrengung oder Aufregung

Triggersubstanzen

  • Volatile Inhalationsanästhetika, z.B. Halothan, Methoxyfluran, Enfluran, Isofluran, Sevofluran, Chloroform, und Äther

  • Depolarisierende Muskelrelaxanzien, z.B. Succinylcholin

Substanzen ohne wahrscheinliche Triggerwirkung

  • Barbiturate

  • Opiate

  • Benzodiazepine

  • Etomidat

  • Propofol

  • Nichtdepolarisierende Muskelrelaxanzien

  • Cholinesterasehemmer

  • Esterartige Lokalanästhetika

Symptome

Masseterspasmus und Muskelrigidität

Nach Einleitung mit Inhalationsanästhetika und Succinylcholin oft das erste Anzeichen

Kardiovaskulär

  • Tachykardie, supraventrikulär

  • Herzrhythmusstörungen, z.B. Bigeminus, VES

  • Initial Hypertonie, im Verlauf Hypotonie

Hyperkapnie

  • Bei gleichbleibendem AMV ist eine Verdreifachung der endtidalen CO2-Konzentration innerhalb weniger Minuten möglich

  • Differenzialdiagnostisch

  • Hypoventilation

  • Erhöhte CO2-Produktion, z.B. Fieber, Wiedererwärmung

  • Gesteigerter CO2-Anfall, z.B. verbesserte periphere Zirkulation, Natriumbikarbonat

  • CO2-Rückatmung, z.B. verbrauchter Atemkalk

  • CO2-Absorption bei Laparoskopie

Pulmonal

  • Anstieg des exspiratorischen CO2-Werts

  • Hypoxie, Zyanose

  • Tachypnoe beim spontan atmenden Patienten

Hyperthermie

  • Rascher Temperaturanstieg: 1°C/5 Min.

  • Kein Frühzeichen aufgrund niedriger Raumtemperatur

  • Differenzialdiagnostisch

  • Sepsis

  • Transfusionsreaktion

  • Pyrogenhaltige Infusionslösung

  • Zerebrale Regulationsstörung

  • Pharmaka, z.B. Atropin

  • Wärmestau (bei Kindern)

Spätsymptome

  • Körpertemperatur steigt aufgrund der metabolischen Entgleisung auf bis zu 43°C an, ausgeprägtes Schwitzen, Erwärmung des CO2- Absorberbehälters

  • Erythematösem Flush folgen Hautmarmorierungen und Zyanose

  • Verbauchskoagulopathie

  • Linksherzsinsuffizienz mit Lungenödem

  • Akutes Nierenversagen

  • Hirnödem

Laborbefunde

  • PCO2 ↑, pO2 ↓

  • Respiratorische und metabolische Azidose, pH ↓↓

  • Ca2 ↑, K+ ↑

  • CK ↑, LDH ↑, Myoglobin im Blut ↑

  • Glukose ↑, Laktat ↑, Pyruvat ↑

  • Myoglobinurie, Oligurie

Maßnahmen und Therapie
  • Beim geringsten Verdacht auf MH sofort mit der Therapie beginnen

  • Zufuhr aller Triggersubstanzen stoppen

  • Frischgasfluss maximieren zum Auswaschen der Triggersubstanz

  • Operateur informieren, Eingriff so schnell wie möglich beenden

  • Hyperventilation mit FiO2 1,0 -> AMV an erhöhten O2-Verbrauch und CO2-Produktion anpassen

Dantrolen®

  • Dantrolen® hemmt die Freisetzung von Ca2+ aus dem sarkoplasmatischen Retikulum der Muskelzellen und ist die einzige mögliche kausale Therapie der Malignen Hyperthermie

  • Dantrolen® 2,5mg/KG als Schnellinfusion verabreichen

-> in Abhängigkeit von der MH-Symptomatik die Initialdosierung

  • wiederholen oder kontinuierliche Infusion verabreichen

Weitere Maßnahmen

  • Mehrere venöse Zugänge zur adäquaten Volumentherapie

  • Zentralvenösen Zugang

  • Hämodynamisches Monitoring erweitern: invasive Blutdruckmessung

  • Erweitertes Monitoring: Kapnometrie, Temperatursonde

  • Blasenkatheter legen

  • Engmaschige BGA-Kontrollen, metabolische Azidose ggf. mit Natriumbikarbonat ausgleichen

  • Medikamentöse Therapie der Herzrhythmusstörungen

  • Hyperkaliämie mit Insulin und Glukose therapieren

  • Patienten kühlen

  • Gekühlte Lösungen infundieren

  • Operationsgebiet kühlen − Oberflächenkühlung, z.B. mit Eis Packs in Achseln und Leisten

  • Invasiv Kühlen (Magen, Blase, intravenös)

  • Kühlung bei einer Körpertemperatur von 38°C beenden

  • Wiederholte Laboranalysen: CK, Myoglobin, Gerinnungsparameter, ROTEM®

Prophylaxe
  • Bei gefährdeten Patienten sollte vorab eine Maligne Hyperthermie mittels eines Halothan-Koffein-Kontrakturtestes abgeklärt werden (in speziellen Zentren)

  • Operativer Eingriff bei gefährdeten Personen in jedem Fall in triggerfreier Narkose durchführen (TIVA, nichtdepolarisierende Muskelrelaxanzien)

  • Unbenutzten Narkoserespirator und frische Atemschläuche verwenden

  • Patienten auf MH-Symptomatik überwachen: EKG, Blutdruck, Pulsoxymetrie, Kapnometrie, kontinuierliche Temperaturmessung, arterielle und möglichst auch zentralvenöse Blutgasanalysen

  • Elektrolyte und Muskelenzyme

** **